Interkulturelle Pädagogik und Mehrsprachigkeit in der Kindertagespflege
Redaktion Webseite Kindertagespflege ·
In vielen Tagespflegestellen wachsen Kinder auf, die zu Hause eine andere Sprache sprechen als Deutsch – oder gleich mehrere. Das ist kein Sonderfall, sondern Alltag: Gut ein Viertel der Kinder in Deutschland hat eine Einwanderungsgeschichte. Interkulturelle Pädagogik bedeutet, diese Vielfalt nicht als Hürde, sondern als Ressource zu verstehen. Dieser Artikel erklärt, wie mehrsprachige Kinder Sprache lernen, welche Haltung Ihre pädagogische Arbeit trägt und wie Sie Familien mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen gut begleiten.
Mehrsprachigkeit ist eine Stärke – kein Risiko
Lange hielt sich der Irrglaube, mehrsprachiges Aufwachsen überfordere kleine Kinder. Die Sprachforschung zeigt das Gegenteil: Kinder können problemlos zwei oder mehr Sprachen gleichzeitig erwerben. Man unterscheidet dabei zwei Wege:
- Simultaner Spracherwerb: Das Kind wächst von Geburt an mit zwei Sprachen auf – etwa Deutsch und Türkisch, wenn die Eltern unterschiedliche Erstsprachen sprechen.
- Sukzessiver Spracherwerb: Das Kind lernt zunächst die Familiensprache und kommt erst später – oft mit dem Start in der Kindertagespflege – intensiv mit Deutsch in Kontakt. Für diese Kinder sind Sie häufig die wichtigste deutschsprachige Bezugsperson.
Wichtig zu wissen: Dass mehrsprachige Kinder Sprachen zeitweise mischen, ist ein normaler und sogar kreativer Teil des Spracherwerbs – kein Zeichen einer Störung. Auch ein etwas später einsetzender aktiver Wortschatz in der Zweitsprache ist zunächst kein Grund zur Sorge. Welche Entwicklungsschritte in welchem Alter üblich sind, beschreibt unser Überblick zur Entwicklungspsychologie von 0 bis 3 Jahren.
Die Familiensprache wertschätzen – der wichtigste Grundsatz
Der früher verbreitete Rat an Eltern, „zu Hause mehr Deutsch zu sprechen", gilt heute als überholt und kontraproduktiv. Eine sichere Erstsprache ist das Fundament, auf dem die Zweitsprache aufbaut. Eltern sollen mit ihrem Kind die Sprache sprechen, in der sie sich emotional und sprachlich zu Hause fühlen.
Für Ihre Praxis heißt das:
- Signalisieren Sie Wertschätzung: Lernen Sie ein paar Wörter in den Familiensprachen Ihrer Tageskinder – eine Begrüßung, ein Trostwort. Das schafft Sicherheit, besonders in der Eingewöhnung.
- Machen Sie Sprachen sichtbar: Mehrsprachige Bilderbücher, Lieder in verschiedenen Sprachen oder eine Begrüßung in allen Familiensprachen an der Tür zeigen: Hier gehört jede Sprache dazu.
- Bitten Sie Eltern um Unterstützung: Ein Lieblingslied, ein Reim oder ein Buch aus der Familie lässt sich wunderbar in den Alltag einbauen – und stärkt die Erziehungspartnerschaft.
Deutsch lernen im Alltag: alltagsintegrierte Sprachbildung
Kleine Kinder lernen Deutsch nicht durch Übungsprogramme, sondern im Alltag – beim Wickeln, Essen, Anziehen und Spielen. Die wichtigsten Werkzeuge sind handlungsbegleitendes Sprechen, dialogisches Vorlesen und echte Gespräche über das, was das Kind gerade beschäftigt. Wie das konkret aussieht, zeigt unser Praxisartikel zur Sprachförderung in der Kindertagespflege – alle dort beschriebenen Methoden wirken bei mehrsprachigen Kindern genauso, oft sogar besonders gut.
Interkulturelle Kompetenz: Haltung statt Rezeptwissen
Interkulturelle Pädagogik ist keine Sammlung von Länder-Steckbriefen. Kern ist eine offene, reflektierende Haltung:
- Eigene Selbstverständlichkeiten hinterfragen: Essgewohnheiten, Schlafrituale, Erziehungsvorstellungen und Feste sind kulturell geprägt – auch die eigenen. Was Ihnen „normal" erscheint, ist für eine Familie vielleicht ungewohnt, und umgekehrt.
- Fragen statt vermuten: Nicht jede Familie mit gleicher Herkunftssprache lebt gleich. Fragen Sie im Aufnahmegespräch konkret nach: Was isst das Kind, wie schläft es, welche Feste feiert die Familie, was ist den Eltern wichtig?
- Vielfalt im Alltag abbilden: Puppen mit unterschiedlichen Hautfarben, Bilderbücher mit vielfältigen Familienbildern und Feste verschiedener Kulturen machen jedes Kind in seiner Identität sichtbar – auch die einsprachig deutschen Kinder profitieren davon.
Zusammenarbeit mit Eltern: verständlich und auf Augenhöhe
Wenn Eltern wenig Deutsch sprechen, tragen Sie als Tagespflegeperson die Verantwortung für eine gelingende Verständigung. Bewährt haben sich einfache Sprache statt Fachbegriffen, Fotos und gezeigte Abläufe statt langer Erklärungen, mehrsprachige Elterninfos (viele Jugendämter und Fachberatungen stellen Vorlagen bereit) und im Zweifel eine dolmetschende Person bei wichtigen Gesprächen – etwa zum Betreuungsvertrag. Sprechen Sie Ihre Fachberatungsstelle an: Vielerorts gibt es kostenfreie Unterstützung für Elterngespräche.
Fazit
Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt gehören zum Alltag der Kindertagespflege – und sie sind eine Chance. Kinder, die erleben, dass ihre Familiensprache und ihre Lebenswelt willkommen sind, entwickeln Selbstvertrauen und lernen Deutsch leichter. Es braucht dafür keine Speziallehrgänge, sondern Offenheit, gute Alltagssprache und echte Partnerschaft mit den Familien.
Quellen und weiterführende Informationen
- Deutsches Jugendinstitut (DJI) – Forschung zu Mehrsprachigkeit und früher Bildung
- Frühe Chancen (BMFSFJ) – Materialien zu sprachlicher Bildung und Vielfalt
- Bundesverband für Kindertagespflege e.V. – Fortbildungen und Praxismaterial
- Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) – Fachbeiträge zu interkultureller Pädagogik
Hinweis: Die Angaben in diesem Artikel wurden nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert. Bei Fragen zur sprachlichen Entwicklung eines Kindes wenden Sie sich bitte an Ihre Fachberatungsstelle oder die kinderärztliche Praxis.

